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Duschen als Verwandlung- Mehr als nur sauber

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duschen

Bild: beautypress.de

Duschen? Täglich…

Jean aus Paris geht beim Thema Duschen keine Kompromisse ein: „Auch wenn Sie es mir nicht glauben: Täglich!“ Dass die Franzosen lieber baden denn duschen, hält er für ein „nicht belegbares Gerücht“. Der 27-jährige liebt den morgendlichen Schauer von oben, ohne die „ein Tag“, so Jean, „eigentlich nicht wirklich beginnt.“ Und damit steht er nicht alleine, im Gegenteil: Duschen ist Pflicht und Genuss zugleich, und das für nahezu Jeden, am liebsten täglich. „Anders geht es nicht“, so Hannah, 35, aus Hannover, „also zumindest ist das mein Wohlfühlfaktor.“ Und Stefan aus München legt bei der Frequenz noch einen drauf: „Im Sommer schon mal zwei Mal am Tag.“

Historisch gewachsene Praxis

Das Duschen ist so normal und natürlich, dass viele gar nicht mehr wissen, dass es historisch langsam gewachsen ist. Die antiken Römer haben die Dusche zwar erfunden – das Wort kommt vom lateinischen „ductio“, also „Leitung“. Auf der stand man dann im Mittelalter  – Duschen war einfach out. Erst im 19. Jahrhundert kam Duschen wieder in Mode – man installierte Duschen in Gefängnissen, Internaten und Badeanstalten, weil sie einfach platzsparender waren. In den Zwanzigern kam die Dusche dann so richtig in Mode – dank der neuen öffentlichen Sportanlagen. Die Dusche galt als modern und fortschrittlich. In den privaten Wohnungen hielt der „Schauer von oben“ erst in den Sechzigern Einzug.

Warum morgens?

Heute duschen die meisten Deutschen morgens nach dem Aufstehen – jeder will sauber und frisch gewaschen sein. Aber nicht nur! Es gibt einen ebenso wichtigen psychologischen Grund. Die Psychologin Katharina Ohana forscht über den Einfluss gesellschaftlicher Normen auf unsere Psyche und weiß, welchen: „Also wir alle“, so Katharina Ohana, haben morgens so unsere Rituale. Wir sind vorher im Bett und müde und müssen dann irgendwie in die öffentliche Welt hinaus. Und da brauchen wir Übergangsrituale. Das Duschen ist da das wichtigste Ritual. Eigentlich werden wir da erst richtig wach, und es ist der Übertritt von der Nacht in den Tag.“ Heutzutage müssen wir uns nicht mehr nach der Sonne richten. Das Duschritual steckt die Grenze zwischen Nacht und Tag ab –  zwischen dem privaten und dem öffentlichen Ich.

Duschen – ein Muss, selbst wenn`s zu spät wird…

Das öffentliche Ich, ein neuer Mensch – und den will kaum einer missen, selbst wenn der Chef schon wartet. Hannah aus Hannover macht da keine Kompromisse: Dann komm ich lieber zu spät! Also es muss sein. Ich muss duschen. Ich würde mich schrecklich fühlen.“ Sommer-Mehrfach-Duscher Stefan teilt das: „Man fühlt sich so wie gefangen. Man ist nicht frei. Man ist nicht sich selbst.“ Und Jean sieht`s ganz pragmatisch: „Also man fühlt sich dann halt nicht schmutzig, also wenn man jeden Tag duscht, kann man nicht schmutzig sein.“ Neben der Sauberkeit spielt also das Gefühl eine große Rolle: Ohne Duschritual kommt man nicht in den Tag. Psychologisch steckt man noch im Schlafanzug –  oder ist schon wieder auf dem Weg dahin…

Nicht alle sind Morgenduscher

Manche duschen lieber am Tagesende – meistens Frauen. Abendduscher nutzen das Ritual als Übergang vom strengen Alltag zur lockeren Freizeit, von der aktiven zur passiven Rolle. So wie sich Morgenduscher unter dem Wasserstrahl ordnen, lösen sich Abendduscher sozusagen auf – auch in Verbindung mit angenehmen Gerüchen. Katharina Ohana: „Wenn wir unter der Dusche ein Duschgel benutzen, was wir besonders gerne riechen, dann hilft uns das natürlich positiv zu starten oder zu beenden. Auf Gerüche sind wir Menschen sehr geprägt, die haben sozusagen eine Standleitung in das limbische System. Das heißt, wir verbinden unheimlich viele Gefühle mit Gerüchen.  Duschgels mit Fruchtnoten funktionieren besonders gut – wir sind evolutionär darauf geeicht, den Duft von vitaminreichem Essen zu lieben.

Richtig duschen will gelernt sein

Damit die Düfte und das warme Nass eine Chance haben, gilt es, „richtig“ zu duschen: Das Wasser darf maximal 39 Grad haben – sonst erhöht sich die eigene Körperkerntemperatur, man schwitzt nach. Und für Abendduscher gilt: Singen! So wird die Atmung tief und der Puls geht runter. Und da Badfliesen den Ton spiegeln, entsteht in der Duschkabine ein Echo. Da werden selbst dünne Stimmen füllig und resonant. Unter der Dusche klingt jeder gut  – auch Jean, wenn er zur Marseillaise anstimmt…